Ich bin noch nie geklettert. Aber ich weiß trotzdem, wie sich Bergsteiger fühlen, kurz bevor sie in den Tod stürzen. Auf dem Rad erlebt man das viele Male: die Schwerkraft, die eigene Kraft, die schwindet, die Ohnmacht. Wenn alles festkrallen und hoffen und beten nichts hilft. Und sich der Griff um die Steinkante löst. Fast ein wenig verwundert schaut der Todgeweihte auf seine Hand. Warum will sie ihn nicht mehr halten? Er hat der Hand doch nichts getan.

Wie der Radfahrer seinem Bein. Dem hat er auch nichts getan. Das Bein ist die Hand des Radfahrers. Es hält ihn am Leben. Aber bald nicht mehr. Denn es brennt wie ein Busch. Und das andere Bein wie zwei. Gleich bekommt er einen Krampf. Und selbst wenn nicht, wird er das Tempo nicht mehr mitgehen können. Trotz Windschatten! Wie peinlich.

Gibt es beim Bergsteigen eigentlich auch Windschatten? Ein wirrer Gedanke kurz vor der Selbsttaufgabe. Und dann ist es vorbei. Er fällt zurück. Er hat abreißen lassen müssen. Er ist ein geschlagener Mann. Und so stürzt er in die Tiefe. Wie ein Bergsteiger.

Dass der Rennradfahrer danach weiterlebt, macht die Sache nur komplizierter. Denn so kann er sich einreden, gar kein geschlagener Mann zu sein. Sind ja nur zehn Meter, die er hinter den anderen herfährt. Und als es 20 sind, irrglaubt der Gestürzte noch immer, den Rückstand wieder aufholen zu können. Es ist ein jämmerlicher Kampf gegen das Geschlagensein. Aber irgendwann ist auch der vorbei.

Der Fatalist fährt dann einfach weiter. So als sei nichts geschehen. Das ist sein Schutzmechanismus: auf Maschine machen. Hauptsache, er rattert noch irgendwie. Die Gruppe sieht er jetzt selbst auf der langen Gerade nicht mehr. Dem Fatalisten ist es egal. Er hat seine Ehre und seine Scham rausgetreten. Als er dranbleiben wollte – und es nicht schaffte. Jetzt ist er nur noch eine willenlose Rennradfahrer-Puppe, die ungläubig runter auf die Beine schaut. Warum gehen die immer auf und ab? Die Puppe weiß es nicht.

Blöder Fatalist, denkt der Schönredner, der die Niederlage nicht hinnimmt. Wahrscheinlich deshalb nicht, weil er ein gestörtes Verhältnis zum Schicksal hat. Hätte er ein besseres, wüsste der Schönredner, dass es Vorbestimmung ist, den Anderen hinterher zu gucken und zu fahren. Würde es in seiner Macht liegen, träte er schließlich mit den Jungs da vorne noch um die Wette. Aber er kann nicht schneller fahren. Das ist Bio-Physik. Eigentlich ganz einfach zu kapieren. Aber der Schönredner will Gesetzmäßigkeiten nicht wahrhaben.

Es muss an der Erkältung liegen, die er wohl nicht richtig auskuriert hat. Oder an dem scheiß harten Bett in dem total beschissenen Hotel. Und hätte er nur richtig trainieren können und nicht die zwei Tage aussetzen müssen, na, aber dann. Redet sich der Schönredner seine abgerissene Lage schön. Und im Ziel rollt er gleich durch zu denen, die ihm weggefahren sind und erklärt ihnen ungefragt, woran es gelegen hat und dass sie ihn beim nächsten Mal nicht abhängen. Garantiert nicht.

Der Selbstzweifler will keine Revanche. Der Selbstzweifler will aufhören. Am besten gleich mit diesem ganzen Radsport. Das wollte er schon so manches Mal. Aber diesmal ganz bestimmt. Was für ein Blödsinn! Als erwachsener Mann und Familienvater so zu tun, als sei er ein Profi. Oder hätte doch zumindest einer werden können. Wenn sein Talent nur früher erkannt worden wäre. Aber es ist keiner vorbeigekommen. Kein Trainer, kein Entdecker, kein Manager. Hat er sich das alles tatsächlich jahrelang eingeredet? Damit muss Schluss sein.

Wie ein geprügelter, zweibeiniger Köter rollt der Selbstzweifler ins Ziel. Am liebsten würde er sein Rad jetzt demonstrativ hinschmeißen. Damit auch alle sehen, dass er es ernst meint. Dass es vorbei ist. Aber sein Rad hat dreieinhalbtausend Tausend Euro gekostet. Und nachher bricht noch das Schaltwerk ab. Also schmeißt er das Rad nicht hin.

Vielleicht bekommt er noch anderthalb Tausend dafür. Aber dann hätte er 2.000 Euro Verlust gemacht. Das ist eindeutig ein Minusgeschäft. Da kann er eigentlich auch weiterfahren. Denkt der Selbstzweifler, der jetzt schon nicht mehr ganz so verzweifelt ist. Schließlich waren die in der Gruppe alle jünger als er, ist er sich sicher. Und verrechnet man das Alter mit der getretenen Wattleistung sind die anderen ihm gar nicht weggefahren. Sondern er ihnen.

Und so muss auch der Selbstzweifler keine Todesanzeige aufgeben. „Er musste abreißen lassen“, das ist eigentlich eine schöne Grabinschrift. Auch für Menschen, die noch nie auf einem Rad saßen.

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