Rennradfahrer begreifen ihren Sport gerne als Naturerlebnis. Wenn sie in den Bergen auf himmelstürmende Gipfel blicken und die grüne Menschenleere durch das entfernte Läuten einer Kuhglocke untermalt wird,- dann denkt der Rennradfahrer: Herrlich! Manchmal hält er dann sogar an und genießt die eigene Entrücktheit.

Dabei vergisst der Rennradfahrer, dass die Kuh nur deshalb dort oben bimmelt, weil sie ein Mensch hochgetrieben hat. Und meistens vergisst der Rennradfahrer auch, dass er in den Bergen gar nicht rumfahren könnte, würde es sich tatsächlich um Natur handeln. Denn in der Natur wachsen keine Straßen. Erst recht keine aus Asphalt.

Rennradfahrer können sich der Natur nur deshalb nahe fühlen, weil der zuvor der Wesenskern ausgetrieben wurde: das Zuwuchernde, Versperrende, Bedrohliche. Darüber ist der Rennradfahrer in aller Regel froh, dass es all dies nicht mehr gibt und er sich weder durch Geäst schlagen muss noch über Geröll rumpeln. Viele Rennradfahrer sind schon schlecht gelaunt, wenn der Asphalt mal etwas körniger ist.

Widersprüche? Nein, Widersprüche erkennt der Rennradfahrer da keine. Er muss sich schließlich auf die nächste Kehre konzentrieren. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da wollte kein Mensch in die Berge. Weil es dort oben viel zu kalt war. Und Kartoffeln wären auf den Steinhängen auch keine gewachsen. Deshalb guckten die Menschen früher hoch zu den Gipfeln – und beließen es dabei.

Heute gucken GPS-Satelliten runter auf die Berge und zählen für die Rennradfahrer die Höhenmeter. Denn was ist ein Naturerlebnis wert, wenn man es nicht bei Strava hochladen kann? Wahrscheinlich wenig.

 

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