Ich fahre an Sehenswürdigkeiten konsequent vorbei. Vielleicht gucke ich mal rüber zum Schloss, zur Kirche, zur Burg, zum Meer, zu diesem schönen, alten Fachwerkhaus, aber dann gucke ich wieder geradeaus, auf die Straße. Schließlich heißt es Rennradfahren und nicht Rennradanhalten. Deshalb habe ich für mich entschieden, Sehenswürdigkeiten nur noch als solche zu betrachten, die ich auch im Wiegetritt wahrnehmen kann.

Womit ich bei der Birke wäre, an der ich hunderte Male achtlos vorbeigetreten war. Bis sie eines Tages nicht mehr da stand, am Rand des Kronprinzessinnenweges, der Straße also, auf der die allermeisten meiner Trainingsrunden beginnen und auch enden.

Nun kommt das häufiger vor, dass Bäume gefällt werden. Und die Lücke, die die fehlende Birke riss, war nicht sehr groß. Weshalb ich anfangs auch an dem Stumpf achtlos vorbeifuhr. Aber irgendetwas war besonders an diesem Birkenrest. Das konnte ich auch aus der Bewegung heraus erkennen.

Der Stumpf war höher, als es Stümpfe normalerweise sind. Vor allem aber war er nicht gerade abgeschnitten. Wie eine Stufe stand er da am Rand. Oder eher noch wie ein Stuhl. Da war die breite Sitzfläche und im rechten Winkel ging am Ende die Lehne hoch. Birke massiv.

Hatte der Baumfäller eine Sitzgelegenheit gesucht und die Parkbank, die keine hundert Meter entfernt steht, übersehen? Womöglich. Dass ein Rennradfahrerkollege das Outdoor-Möbel modelliert hat, schließe ich aus. Eine Motorsäge passt nicht in die Trikotasche.

Vielleicht wollte der Unbekannte uns Rennradfahrer auch dazu bringen, endlich mal anzuhalten, statt immer an der Welt vorbei zu hasten. Wenn dies das Ziel gewesen sein sollte, hat er es erreicht. Je häufiger ich den Stumpfstuhl passierte, desto mehr wollte ich wissen, wie es sich darauf sitzt. Ganz gut. Die steile Lehne drückt auch gar nicht im Kreuz.

Ich bin dann aber gleich wieder aufgestanden, weil ich nicht wollte, dass mich jemand so dasitzen sieht. Wie ein Rad-Tourist. Oder schlimmer noch: wie einer, der nicht mehr kann.

Der Stuhl wird mittlerweile auch von anderen genutzt. Jemand hat eine „12“ auf die Lehne gesprüht. Warum auch immer. Und auf dem Asphalt davor ist ein rosa Herz gemalt, mit den Initialen „T“ und „G“. Vielleicht steht das „T“ für Tillmann, und Gina hat das „G“ beigesteuert. Ober aber Günther und Theo hatten auf ihre alten Tage nochmal ein aufregendes Birkenstumpfstuhl-Rendezvous. Wer weiß das schon?

Vermutlich werde ich die Entstehungsgeschichte und die Bedeutung des hölzernen Liebesplatzes nie abschließend klären. Aber das ist okay. Man kann nicht alle Menschheitsrätsel lösen. Das habe ich begriffen. Und für eine solche Erkenntnis halte ich auch mal an. Dieses eine Mal zumindest.

 

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