Viele Menschen freuen sich auf das neue Jahr. Rennradfahrer eher nicht. Denn sie müssen dann wieder von vorne anfangen. Von ganz vorne. Null Höhenmeter, null Kilometer, null Stunden. So steht es mit dem Silvesterknall bei Strava. Alles Ertretene und Erfluchte der zurückliegenden zwölf Monate – weggenullt.

Auf der anderen Seite: Ohne ein Ende würde unser Kilometerberg immer weiter anwachsen und irgendwann an den Mond anstoßen, ohne dass wir das merkten. Deshalb hat es doch sein Gutes, dass das Radsportjahr vergeht. Nur so können wir uns im nächsten übertreffen. Und sei es, indem wir zumindest mehr Kudos bekommen als das Jahr zuvor.

Und am 1.1. können wir auch noch glauben, diesmal mit unserem unbekannten Strava-Freund Kai mitzuhalten, der offensichtlich weder arbeitet noch schläft und deshalb schon im Mai die 10.000 Kilometer voll hat. Der Jahresanfang ist auch eine Illusion.

Also fangen wir wieder von vorne an. Beziehungsweise: von unten. Wie Sisyphos. Vielleicht wäre der verdammte Felshochroller eine weniger tragische Figur, hätte es damals in Griechenland schon Strava gegeben. Dann hätte Sisyphos zumindest gewusst, wie häufig er den Stein schon hochgestemmt hat und wie viele Höhenmeter dabei zusammengekommen sind. Das im Kopf auszurechnen, ist doch recht mühsam. Muss Sisyphos den Brocken doch auf ewig hochhieven.

Wir könnten hingegen damit aufhören. Unser Höher und Immer-weiter ist keine Gottesstrafe, sondern selbstgewähltes Schicksal. Aber wir hören nicht auf. Sondern lassen uns von kalifornischen Hipster-Kapitalisten zur Null degradieren. Auch das ist der Jahresanfang: eine unbequeme Selbst-Befragung. Wozu das Ganze?

Vielleicht ja, um dem stets Wiederkehrenden einen sagenhaften Sinn zu geben. Bei Strava nennen sich mehrere Fahrer Sisyphus. Manche mit Vornamen, andere mit Nachnamen. „Happy Sisyphus“ heißt der aus Malaysia. Ein anderer kommt aus Fronhausen. Den Ort gibt es wirklich. Der liegt bei Marburg.

Fronhausen. Ich glaube, da könnte man auch prima Silvester feiern.

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