Corona legt den Radsport lahm. Aber es gibt ja noch die Bücher zum Thema. Beispielsweise eine Biografie über Dominik Nerz, der als große deutsche Radsport-Hoffnung galt, aber am Profi-Geschäft und an sich selbst scheiterte.

„Gestürzt“ heißt das Buch über Dominik Nerz (Covadonga-Verlag). Und dieser Titel ist nicht nur im übertragenen Sinne zu verstehen – sondern wörtlich. Dominik Nerz ist in seiner kurzen Karriere viele Male gestürzt. Was an sich nichts Besonderes ist. Das Zu-Boden-gehen gehört im Radsport dazu wie das Im-Sattel-sitzen. Eine Unachtsamkeit, Erschöpfung, Sand in der Kurve, ein Vordermann, der plötzlich ausschert,- es gibt viele Gründe, sich auf dem Asphalt wiederzufinden. Meistens stehen die Rennradprofis danach wieder auf und setzen die Fahrt fort. Das bringen die Trainer schon den Zehnjährigen bei: aufstehen und weiterfahren. Denn wer sitzen bleibt und erst mal schaut, ob auch nichts gebrochen ist, hat keine Chance mehr. Dann sind die anderen weg.

Auch Dominik Nerz ist immer wieder in den Sattel gesprungen. Bei Jugendrennen in seiner Heimat im Allgäu, als Nachwuchsfahrer, der die nationale Konkurrenz hinter sich ließ, und als Profi sowieso. Aufstehen und weiterfahren. Aber im Juni 2015, bei der 7. Etappe der Dauphiné-Rundfahrt, blieb Nerz sitzen – und schrie. Ein Foto im Buch zeigt die Szene kurz nach dem Sturz: Da kauert Dominik Nerz an der Tunnelmauer, vor die er gerade gekracht war, und wie er so dasitzt, schreiend und weinend, da ahnt man: dieser Sturz war der eine zu viel.

 

Tatsächlich war er das, und auch hier im Wortsinne: Dominik Nerz erlitt bei dem Sturz mutmaßlich eine Gehirnerschütterung, was er den Ärzten verschwieg, um seinen Start bei der Tour de France nicht zu gefährden. Als Kapitän sollte er das Team Bora Argon 18 in das bedeutendste Radrennen der Welt führen. Kapitän mit gerade mal 25 Jahren! Das ist ein Ritterschlag – und eine Bürde. Teamchef Ralph Denk hatte gesagt: der Nerz schafft es bei der Tour unter die besten Zehn. Da konnte Dominik Nerz jetzt keine Gehirnerschütterung gebrauchen. Also saß er wenige Tage nach dem Sturz, der der eine zu viel war, schon wieder auf dem Rad und trainierte trotz Kopfschmerzen. Auch das lernen Rennradfahrer von kleinauf: Warnsignale des eigenen Körpers zu ignorieren. Aufstehen und Weiterfahren.

Die Tour de France 2015 wurde für Nerz zu einem Debakel. Was wenig verwundert, litt Nerz doch unter Schwindelgefühlen, die mutmaßlich die Folge mehrerer unbehandelter Gehirnerschütterungen waren. Zudem hatte sich Nerz in den Wochen zuvor in eine Magersucht hineingehungert. Er wollte noch leichter werden, als er es ohnehin schon war, damit er die Berge besser hochkommen würde. Am Ende war Nerz ausgemergelt und abgeschlagen.

Man könnte es sich leicht machen und sagen: Dominik Nerz war einfach nicht gemacht für den Profi-Radsport. Wie auch Sebastian Deisler nicht gemacht war für den Profi-Fußball. Zu nachdenklich, zu grüblerisch, zu viele Selbstzweifel. Aber dann würde man es sich zu leicht machen. Und man würde das Buch nicht zu Ende lesen. Was ich aber getan habe. Denn diese Biografie zeigt nicht nur das Innenleben eines mit sich hadernden jungen Mannes; „Gestürzt“ offenbart die unbarmherzigen Mechanismen des Profi-Radsports: Aufstehen und weiterfahren. Ein Rennradfahrer kennt keine Schmerzen – und seelische schon gar nicht.

Der Buchautor Michael Ostermann hat Dominik Nerz viele Stunden interviewt. Das eigentliche Verdienst des Hamburger Journalisten aber ist es, zahlreiche Weggefährten zu Wort kommen zu lassen: Eltern, Ärzte, Manager, Sportliche Leiter, Fahrer-Kollegen. Die einen sind voller Mitgefühl, die anderen machen aus ihrem Unverständnis keinen Hehl. Am Ende stehen sich zwei Welten gegenüber, die des Dominik Nerz und die des Radsports. Und eines ist klar: der Radsport wird kein anderer durch den Sturz eines einst so hoffnungsvollen Talentes. Mit 27 Jahren hat Dominik Nerz seine Karriere beendet. Zu früh und doch auch zu spät.

 

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